Bundesliga-Originale

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Sven
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Bundesliga-Originale

Beitrag von Sven » 02.10.2006, 10:05

SPIEGEL ONLINE - 02. Oktober 2006, 08:05
URL: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0, ... 01,00.html

Bundesliga-Originale

Napoleon jagt den Sonnenkönig

Von Harald Braun

Sie sind eine aussterbende Art - die Originale der Bundesliga. Jene Fußballakteure, über die die Fans sich gerne den Mund zerreißen. SPIEGEL ONLINE und "PLAYER" stellen die bekanntesten Vertreter vor. Besonders eindrucksvoll war das Wirken eines Herrschers auf Schalke.

Günther Eichberg - spendierfreudiger Regent
Der frühere Klinikbesitzer erwarb sich in seiner Zeit als Schalke-Präsident den Ruf eines "Sonnenkönigs". Er protzte mit seinen Millionen und holte für teures Geld alle Spieler nach Gelsenkirchen, die bei drei nicht auf dem Baum waren. Berühmt ist jene Geschichte, als er für den offiziell 2,5 Millionen Mark teuren Radmilo Mihajlovic sogar drei Millionen an Bayern zahlte, worüber sich Uli Hoeneß heute noch schlapp lacht. Großer Sport auch die Beerdigung von Schalke-Idol Ernst Kuzorra. Die verpasste Eichberg zwar, ließ aber für das offizielle Pressefoto den Kranz ein zweites Mal zu Grabe. "Hemmungslose Ausgabensucht" bescheinigte die Presse Eichberg, doch Schalkes Betreuer Charly Neumann nahm ihn in Schutz: "Der Günther kann einfach nicht nein sagen, wenn er eine Frau wäre, hätte er schon 20 Kinder!" Inzwischen lebt Eichberg - nach einer kurzen Episode in Miami - in Rheinland-Pfalz und ist Bürgermeister von Bad Bertrich.

Claus Bubke - dreckiger Job
Das kapriziöse "C" vorneweg passt so gut zum Zeugwart des FC St. Pauli wie ein Tutu (sprich: Tütü) zum Schlammcatchen. Aber das ist auch der einzige Glamour, den Bubke sich gönnt. Ansonsten ist der neunfache Vater, Biertrinker und Kettenraucher der personifizierte "Paulianer": immer ein bisschen auf Krawall gebürstet, rau und unangepasst. Seit 1986 macht "Bubu", wie er von den Fans liebevoll genannt wird, die dreckige Wäsche am Millerntor sauber, damals noch für zehn Mark die Stunde. Einen Arbeitsvertrag hat er nie gesehen: "So'n Zeug brauch' ich nicht!" Was er braucht, sind seine Waschmaschinen im Stadion (zwölf Ladungen pro Tag) und seine kickenden Jungs: Seit 20 Jahren hat er kein Spiel verpasst.

Michael Adolf Roth - Scharfschütze mit kurzen Beinen
"Ich habe einen Waffenschein und eine Pistole", ließ der fränkische Teppichhändler Roth einen Journalisten der Nürnberger "Abendzeitung" 2003 wissen, und ergänzte: "Das kann ich machen, einmal durchpfeifen durch denen ihr Hirn." Abgesehen von der bedenklichen Grammatik hatten die Spieler des 1. FC Nürnberg auch inhaltliche Probleme mit der Drohung ihres Präsidenten. Andererseits kennen sie ihren Boss, der an schlechten Tagen kaum über den Tisch gucken kann (an guten trägt er Schuheinlagen) und der in seinen Anzügen Zettel mit dem Datum deponiert, wann sie zum letzten Mal getragen wurden. Roth, der "Napoleon vom Valznerweiher", war neben seinen Verdiensten für den Club immer für einen Skandal gut. Und für Trainerentlassungen - in seiner ersten Amtszeit (1979 bis 1983) waren es neun.

Hermann Rieger - beliebtes Knetmännchen
"Außer Hermann könnt ihr alle gehen!", riefen die HSV-Anhänger in den letzten 25 Jahren in sportlich trüben Zeiten, und diese waren im Hamburger Volkspark nicht selten. Ausgenommen vom kollektiven Volkszorn blieb Hermann Rieger, der Masseur und Physiotherapeut der Mannschaft, der 1978 auf Vermittlung von Manfred "Manni" Kaltz aus Bayern an die Elbe gelotst wurde und viele Jahre blieb. Vereinstreue, Diskretion und ein großes Herz - neben Uwe Seeler avancierte Rieger zum Kult in Hamburg, der sogar einen eigenen Fanclub hinter sich brachte: "Hermanns treue Riege". 2005 ging der ehemalige Skilehrer wieder zurück in die bayerische Heimat. Rieger erhielt sogar ein Abschiedsspiel, bisher einzigartig für ein Bundesliga-Knetmännchen.

Gerry Ehrmann - Torwart mit Dschungel-Manieren
Der Mann, der seit gefühlten fünf Jahrzehnten in Kaiserslautern Torhüter ausbildet (Weidenfeller, Wiese oder Fromlowitz), trägt seinen Spitznamen "Tarzan" nicht umsonst. Zum einen sieht er mit seinen Popeye-Muskeln so aus, als laufe er selten mit mehr als einem Lendenschurz auf den Betzenberg. Zum anderen ist Ehrmann so streitlustig wie der berühmte Namensgeber aus dem Dschungel. Im modern durchgestylten Bundesliga-Kosmos ist der Hüne ein Stammtisch-Relikt, einer, der sich gern kloppt und zu aktiven Zeiten seine Mitspieler (nach einem verlorenen Spiel gegen Alaves) ganz offiziell als "schwule Hunde" beschimpfte. Und Sergej Barbarez blaffte er nach einem Spiel an: "Ich hau dir auf die Fresse, du Asi!"

Manolo - Trommler aus Leidenschaft
Wahrscheinlich ist Ethem Özenrenler in Mönchengladbach bekannter als der aktuelle Manager der Borussia. Allerdings nicht unter diesem Namen. Nein, Özenrenler kannte man auf dem Bökelberg als "Manolo, der Trommler". 1968 war er aus der Türkei als Gastarbeiter gekommen und hatte am Niederrhein seine sportliche Heimat entdeckt. Unermüdlich schlug er auf eine große Trommel ein und unterstützte sein Team. Der frühere Stürmer Toni Polster rannte bei eigenen Torerfolgen sogar zu Manolo, um auf dessen Musikgerät den Takt anzugeben. Den Umzug in den Borussia-Park erlebte Manolo nicht mehr aktiv - er wohnt im Pflegeheim.

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Teil II

Beitrag von Sven » 04.10.2006, 10:06

BUNDESLIGA-ORIGINALE
Kondome und ein bekannter Bäcker

Von Harald Braun

Während seiner Präsidentschaft sorgte Peter Krohn für viel Wirbel, als er den Hamburger SV Ende der Siebziger à la Hollywood trimmte. Im Saarland beschwor ein Vereinsboss mit Werbung für Verhütungsmittel eine Krise herauf. Und dann war da noch ein Dortmunder Faktotum.

Norbert "Nobby" Dickel - Mann für gute Stimmung
"Pokalheld" darf man ihn nennen. Aber Stadionsprecher? Das ist Norbert, genannt "Nobby", Dickel doch ein wenig zu popelig. "Ich arbeite im Management der Borussia, helfe, Sponsoren zu finden, mache Fan-TV." Schon gut. Belassen wir's dabei, dass Dickel irgendwie zu Borussia Dortmund gehört wie der Dom zu Köln. Diesen Status hat er sich vor allem durch seinen selbstlosen Einsatz im Pokalfinale 1989 erkämpft, als er - im Grunde schon Invalide - den BVB mit zwei Toren zum 4:1-Sieg gegen Werder Bremen führte. Er beherrscht die Sprache des Stehplatz-Fans und bleibt dabei amüsant. Kostprobe: Als er einmal von einem Reporter gefragt wurde, was er denn zu dem mitgebrachten Fotografen sagen würde, der Schalke-Fan sei, antwortete Dickel: "Oje, der Mann muss ja quasi mit einer Behinderung leben!"

Reiner Calmund - "Bandito"
"Unter den Einäugigen ist der Dreibeinige der König. Wir sind nur Underducks. Wir haben den größten Worst-Case verhindert." Alles Sprüche von Reiner Calmund, der bis zum 8. Juni 2004 als Manager von Bayer 04 Leverkusen zu den Big Playern im deutschen Fußball zählte, dabei aber so hemdsärmelig blieb, als ob er eine Thekenmannschaft in Bad Hersfeld betreuen würde. "Dickes kleines Bandito" nannte ihn der brasilianische Profi Tita einmal, vermutlich nicht zu Unrecht. Calmund überfuhr mit Körpermasse und verbaler Inkontinenz eigene Spieler und hilflose Interviewer, das Publikum reagierte amüsiert. Calmunds Abgang bei Bayer verlief weniger lustig, es ging um dubiose Geldabflüsse. Eine Verurteilung gab es aber nie.

Dr. Peter Krohn - Zirkuspferde und rosa farbene Trikots
Heutzutage wären die Methoden von Dr. Peter Krohn, dem früherer Präsidenten des Hamburger SV, nichts Besonderes. 1976 aber galten sie als Revolution. In der biederen Bundesliga versuchte der Marketingexperte aus dem Traditionsclub eine Attraktion zu machen, ließ die Spieler wie Zirkuspferde auf Podeste steigen, zog ihnen rosa Trikots an und etablierte fußballfremde Unterhaltung im Stadion. Er wollte den HSV in die europäische Spitze bugsieren und schaffte es - mit Querdenkerei und risikofreudiger Transferpolitik. Natürlich wurde der Mann zunächst bekämpft. Er wolle "Hollywood" in Hamburg etablieren, hieß es. Doch unter dem Strich liest sich Krohns Bilanz positiv. Übrigens: Der einstige "Tagesschau"-Mann Jo Brauner wurde von Krohn als Stadionsprecher verpflichtet.

Charly Neumann - "I am the Maskottchen"
Schwer zu sagen, was der Mann eigentlich ist. Gelernt hat er mal Bäcker, aber seit über 20 Jahren betreibt der 1931 in Bochum geborene, verheiratete zweifache Vater Lokale in und um Gelsenkirchen, unter anderem "Charly's Bummelzug". Bekannt wurde er als Betreuer beim FC Schalke 04, das ist er seit gefühlten 300 Jahren. Ist mit Schalke abgestiegen und hat geheult, ist mit ihnen aufgestiegen und Uefa-Cup-Sieger geworden und hat geheult. Und immer, wenn auf Schalke mal ein bisschen Remmidemmi und Folklore gefragt sind, dann wird der "Charly" aus dem Zylinder gezogen. Schwer zu sagen, was Neumann wirklich für Schalke ist. Jedenfalls mehr als ein Betreuer. Einem englischen Interviewer antwortete er auf die Frage, welche Funktion er denn habe, mit einem jovialen: "I am the Maskottchen of Schalke 04."

Manfred Ommer - Kondome sorgen für Aufregung
Er war mit dem Mund fast schneller als mit den Beinen. Dabei war Manfred Ommer 1974 Vize-Europameister über 200 Meter, bevor er Mitte der Achtziger die Sportart wechselte und Präsident des FC Homburg wurde. Aufsehen erregte er, als er den Kondomhersteller "London" 1987 als Sponsor gewann und damit beim DFB eine Debatte um Sitte und Moral lostrat. Zeitweise lief der Klub mit einem schwarzen Balken auf der Brust auf, bis ein Gericht Ommer Recht gab. "London" ließ sich das Engagement 200.000 Mark kosten - andere, preiswertere Zeiten. Streitbar ist Ommer immer noch, auch wenn er seit 1994 nicht mehr im Fußball aktiv ist. Vor einiger Zeit sprach er sich für die Freigabe von Doping aus. Tenor: Wenn's alle machen, ist es eh wurscht.

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